Abschied eines Alleskönners: Sommertalschul-Rektor Jürgen Ritter geht in den Ruhestand

 

Jürgen Ritter übernahm die Leitung der Sommertalschule im September 1989 von einem Tag auf den anderen. Nun wurde der 64-Jährige in den Ruhestand verabschiedet. Bevor er zum Schluss selbst das Wort ergriff zollten 14 Redner dem Schulleiter Tribut, der in seiner 29-jährigen Amtszeit viele Veränderungen erlebte und mitgestaltete. Der größte Umbruch war die Umwandlung der Haupt- und Werkrealschule in eine Gemeinschaftsschule, für die sich Ritter und sein Kollegium stark einsetzten und die 2012 als erste im Bodenseekreis startete.
Die Einführung der Gemeinschaftsschule bezeichnete Bürgermeister Robert Scherer denn auch als "großes Meisterstück" Ritters, der immer mit der Zeit gegangen und Veränderungsprozess vorangetrieben habe. Ritter, mit dem eine Ära zu Ende gehe, so Scherer, "entsprach in vollem Umfang den heutigen Anforderungen an einen Schulleiter", der eben nicht nur ein ausgezeichneter Pädagoge, sondern auch ein Alleskönner mit Mangerqualitäten sein müsse. Scherer bedankte sich im Namen der Stadt mit einem Gutschein für die "Hohentwiel" und einem Blumenstrauß an Ritters Frau Sabine, die mit den Töchtern Kripa und Joyce die Feier verfolgte.

Auszüge aus dicker Personalakte

 

Tanja Hastings von Staatlichen Schulamt Markdorf bescheinigte Ritter: "Sie sind ein Vollblutpädagoge, der das Herz eines Künstlers hat." Sie ließ Ritters lange Karriere Revue passieren, auch mit Auszügen aus Ritters "sieben Zentimeter dicken Personalakte", in der ihm etwa 1983 schon eine Unterrichtsweise mit entsprechenden Lernerfolgen bei den Schülern attestiert worden sei, etwa durch Schaffung von "offenen, aktiven Lernsituationen", die modernsten Anforderungen entspreche. Ritter habe sich auch außerhalb seiner Schule vielfach eingesetzt und sich stets fortgebildet. "Sie wollten immer über den Tellerrand schauen und sich neue Impulse holen." Hastings dankte Ritter und zollte ihm für die Einführung der Gemeinschaftsschule, die "ihr ganzes Herz gebraucht hat", großen Respekt. Letzteres tat auch der grüne Landtagsabgeordnete Martin Hahn, der meinte, mit der neuen Schulart, bei der das Kind im Mittelpunkt stehe, hätten Ritter und sein Kollegium, "eine Grundlage für gute Pädagogik in der Raumschaft geschaffen." Karl Handschuh vom (Lehrer-) Seminar Weingarten würdigte Ritters großen überschulischen Einsatz, etwa als Lehrbeauftragter, Prüfungsvorsitzender und Lehrerausbilder.

 

Stadtpfarrer Schneider dankt sehr persönlich

 

Der katholische Stadtpfarrer Matthias Schneider schenkte Ritter einen prall gefüllten Rucksack für die Reise in den Ruhestand und gestand: "Es ist Ihr Verdienst, dass ich immer noch gerne unterrichte." Natürlich hatte Schneider auch ein paar Bibelzitate im Gepäck, die sich Lehrern und Schülern widmen.

Philipp Strack, Chef des Droste-Hülshoff-Gymnasiums, schenkte Ritter, um den "Blumenstrauß von Aufgaben" zu illustrieren, den er bewältigt habe, das Lied "Red like Roses", das Alicia Bastron, die einst auch Ritters Schülerin war, am Keyboard spielte.

 

Ottmar Rupp vom Personalrat, dem auch Ritter eine Zeitlang angehörte, rühmte dessen "ungeheure Kompetenz in Sachen Schulverwaltung." Der Eltenbeirat dankte in Reimform für Ritters Einsatz für die Gemeinschaftsschule und schenkte ihm eine Meersburger Rebe. Gisela Heinzel vom Partnerschaftskomitee Louveciennes hob Ritters 25-jährige Unterstützung des Schüleraustauschs mit Meersburgs französischer Partnerstadt hervor.

SPD-Politiker Norbert Zeller, einst eine treibende Kraft für die Einführung der Gemeinschaftsschule, betonte, Ritter sei einer deren aktivsten Förderer gewesen, auch weil er überzeugt sei, "dass mit der Gemeinschaftsschule mehr Bildungsgerechtigkeit möglich wird".

Gabi Held vom Kreisverband Bildung und Erziehung dankte Ritter für seinen Einsatz und Anregungen für denselben. Der Konstanzer Professor Georg Lind, der Ritter bei einem Kurs, den Lind gab, kennenlernte, erklärte: "Uns vereint unsere Liebe zur Demokratie."

 

Lehrerkollegium singt ein Ständchen

 

Die "Sommertal-Lerchen" des Lehrerkollegiums brachten ihrem Chef ein flottes Abschiedsständchen, bevor Ritters Stellvertreter Wolfgang Fitz, der den Rednermarathon moderiert hatte, ihn mit einem "ritterlichen" Gedicht liebevoll wertschätzte.

Das letzte Wort hatte dann der scheidende Rektor selbst, der seine Zuhörer, die teils von weit her angereist waren, auf eine "kleine Reise" durch die vergangenen Jahrzehnte mitnahm.

 

Jürgen Ritter: "Meersburg ist in puncto Bildung vorbereitet"

 

Was Jürgen Ritter in seiner Abschiedsrede thematisierte.

Jürgen Ritter erinnerte eingangs daran, wie er vor 29 Jahren Leiter der damaligen Grund- und Hauptschule wurde – als Jüngster im Kollegium. Bei der pädagogischen Weiterentwicklung der Schule gab es laut Ritter immer wieder "spektakuläre Momente", etwa die Segel-AG, die in den 1990er Jahren existierte und sogar für Schlagzeilen im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" sorgte: Der Rechnungshof hatte sie als Beispiel für Stundenverschwendung angeführt. Ritter wurde ins Kultusministerium zitiert und hörte danach nie wieder etwas von der Sache.

Das Kollegium ließ aber laut Ritter nie locker, wenn es darum ging, über den Unterricht hinausgehende Fähigkeiten zu vermitteln. So habe man große Projekte verwirklicht, etwa die preisgekrönte Schülerzeitung "Pfiff", den Schulchor, den Berufswahlunterricht, das Musikprofil. Nicht zuletzt wegen dieser Leistungen habe das Land Meersburg für eine Gemeinschaftsschule ausgewählt. Mittlerweile sei nicht nur klar, dass Meersburg fester Standort für diese Schulart sei, sondern auch, "eine ganz besondere Gemeinschaftsschule mit einem besonderen Profil, das der örtlichen Situation angepasst ist".

Wie wichtig diese Schulart sei, zeigten die ersten 13 Realschulabgänger. Ritter ist überzeugt, dass nur wenige von ihnen den Abschluss an einer anderen Schulart so gut geschafft hätten. Zu unterschiedlich seien die Lernvoraussetzungen, "als dass Schulformen ihnen gerecht werden könnten, die nicht auf Integration, sondern auf Selektion ausgerichtet sind." Veränderungsprozesse habe die Schule "immer als Chance verstanden und das Ziel verfolgt, in dieser Stadt ein bestmögliches Angebot auf gutem Niveau vorzuhalten. Mit der Etablierung der Gemeinschaftsschule ist dies vorläufig abschließend gelungen. Denn wohin auch immer die die weitere bildungspolitische Entwicklung geht, Meersburg ist darauf vorbereitet", so Ritter.

 

Quelle: https://www.suedkurier.de/region/bodenseekreis/meersburg/Abschied-eines-Alleskoenners-Sommertalschul-Rektor-Juergen-Ritter-geht-in-den-Ruhestand;art372486,9825646