Schulreifes Kind

Im Rahmen unserer intensiven Kooperation Kindergarten- Grundschule mit wöchentlichen Teamgesprächen, regelmäßigen Besuchen und gegenseitigen Hospitationen, soll das Projekt „Schulreifes Kind“, an dem wir seit 2007 teilnehmen, eine weitere Möglichkeit bieten, Kindern mit Entwicklungsverzögerungen den Einstieg in das gemeinsame Leben und Lernen in der Grundschule zu erleichtern.

 

Feststellung des Förderbedarfs

Auf der Grundlage des Orientierungsplans für Kindergärten mit seinen Bildungs- und Entwicklungsfeldern erstellen die Erzieherinnen für jedes Kind eine Entwicklungsdokumentation und legen 24 bis 15 Monate vor der Einschulung fest, bei welchen Kindern ein zusätzlicher Förderbedarf besteht. Als Diagnoseinstrument wird neben den täglichen gezielten Beobachtungen zum Beispiel auch die „Grenzsteine-Methodik“ von „Michaelis“ herangezogen. Die vom Sozialministerium neu konzipierte Einschulungsuntersuchung mit Sprach-, Seh-, und Hörtest, mit der Testung von Wahrnehmung, Grob- und Feinmotorik, sowie der Merkfähigkeit ergänzt und untermauert die Diagnoseergebnisse der Erzieherinnen.

 

Umsetzung in die praktische Arbeit

Die Erzieherinnen informieren die am Projekt beteiligten Lehrkräfte über Entwicklungsstand und Förderbedarf der einzelnen Kinder. Danach wird gemeinsam die Einteilung der Fördergruppen und der zeitliche Umfang der Förderung festgelegt. Zur Zeit arbeitet eine Fachkraft aus dem Kindergarten und drei Lehrerinnen aus der Eingangsstufe mit einer, bzw. zwei Fördergruppen des Projekts zusammen. Dies hat den Vorteil, dass in Planungs- und Nachbereitungsgesprächen stets mit dem „Rückblick“ auf den Entwicklungsverlauf im Kindergarten und dem „Vorausblick“ auf die Erwartungen der Grundschule reflektiert werden kann. Um jedem einzelnen Kind möglichst viel Aufmerksamkeit und Zuwendung geben zu können, und kindgerechte und natürliche Spiel- und Lernsituationen anzubieten, grenzen wir die Gruppengröße auf zwei bis vier Kinder ein. Bei der Zusammensetzung achten wir auf die Persönlichkeit und den jeweiligen Förderbedarf des Kindes. Jede Gruppe arbeitet wöchentlich in der Zeit von zwei etwas gekürzten Schulstunden am Nachmittag. Die gekürzte Zeit wird als Elternsprechzeit angeboten. Diese Organisationsform entwickelte sich aus den Erfahrungen des ersten Förderjahres: Wir stellten fest, dass die Konzentration und Lernfreude der Kinder ab einem bestimmten Zeitpunkt stark nachließ. Deshalb hielten wir es für sinnvoll, die Lernzeit dementsprechend zu kürzen und den Eltern die Möglichkeit zum regelmäßigen Gespräch zu geben, während sie ohnehin im Schulhaus sind, um ihr Kind abzuholen.

Wesentliche Inhalte und Methoden der Förderung

Da die Kinder mit unterschiedlichen Vorerfahrungen und Persönlichkeitsbildern zu uns kommen, versuchen wir, wie schon oben erwähnt, die Gruppen so einzuteilen, dass eine möglichst positive Lernatmosphäre gewährleistet ist. Die Kinder sollen sich gegenseitig unterstützen und voranbringen und nicht hemmen oder einschränken. Die Inhalte unserer Arbeit erstrecken sich z. B. von der Sprachförderung über die Schulung der Motorik, die Schulung der Wahrnehmungsfähigkeit, das Training der Konzentrationsfähigkeit und die Vermittlung von mathematischen Grunderfahrungen. Auch die Erweiterung der sozialen Kompetenzen, sowie die Stärkung der Persönlichkeit innerhalb einer „neuen Spielgruppe“ ist zeitweise deutlich zu beobachten.

 

Die Arbeit in den verschiedenen Lernbereichen geht meistens von Spielsituationen aus, in denen die Kinder viel Eigeninitiative einbringen, Entscheidungen treffen, Regeln aufstellen, und sich im Klassenraum oder auf dem Schulhof bewegen können. Die Stärkung des Selbstwertgefühls und des Selbstbewusstseins sind wichtige Grundlagen für erfolgreiches Lernen. Gezielte Hör- und Sprechübungen oder Aufgaben auf Arbeitsblättern nehmen nur einen Teil der Förderzeit ein. Die Auswahl von Bilderbüchern, die gemeinsam betrachtet werden, richtet sich nach der Interessenslage einzelner Kinder. Die Kinder sprechen, fragen und erzählen dazu. Große Handpuppen begleiten häufig das Geschehen und fordern die Kinder zum Dialog heraus.Das Erlernen und festigen von Präpositionen, zum Beispiel, oder anderen grammatikalischen Regeln, wird durch ein Versteckspiel von Spielsachen geübt. Satzstrukturen werden mehrfach wiederholt, ohne das Empfinden von „lästigem Üben“. So verstehen wir Ganzheitlichkeit innerhalb unserer Projektarbeit als wesentliches Prinzip.

 

Diagnosemöglichkeiten und Förderpläne

Zur Beurteilung des Entwicklungsstandes und der Schulfähigkeit unserer Projektkinder setzen wir zur Zeit die „Diagnostische Einschätzskala“ von Dr. Päd. Karlheinz Barth ein. Dies ermöglicht uns eine weitgehend gleiche Vorgehensweise mit grundlegenden Teilleistungen, die zu beobachten und gegebenenfalls weiterhin zu fördern sind. Dies sind z. B. : Händigkeit, Gleichgewichtswahrnehmung, Auge- Hand- Koordination, Finger- und Handgeschicklichkeit, auditives Kurzzeitgedächtnis, Tast-, Muskel- und Bewegungswahrnehmung, Gestalt- Form- Auffassung, Phonologische Bewusstheit, Mengenerfassung, optische Differenzierungsfähigkeit, Sprachgedächtnis, Handlungsplanung, Sequenzgedächtnis und vieles mehr.

 

Anmerkungen zum Projekt

Entwicklungsdefizite innerhalb der oben genannten Bereiche können mit den Rahmenbedingungen des Projekts und in der vorgegebenen Zeit nicht behoben, sondern nur teilweise aufgeholt werden. So sind z. B. Kinder mit Sprachentwicklungsverzögerungen während der Förderungszeit in der Lage, Sprachhemmungen abzubauen und die Satzstrukturen ihres passiven und aktiven Sprachschatzes zu erweitern . Fehlende Sprach- und Situationserfahrungen während der frühen Kindheit können wir mit schulischer Förderung jedoch kaum nachholen. Das erklärte Ziel des Ministeriums, dass durch das Projekt „Schulreifes Kind“ alle Kinder gleiche Startvoraussetzungen für den Schulanfang erhalten sollen, kann nach unseren Kenntnissen und Erfahrungen angestrebt, aber nicht erreicht werden.